Start Aphasie - Was ist das? Moderne Behandlung bei Aphasie

Moderne Behandlung und Prävention des Schlaganfalls

Moderne Behandlung und Prävention des Schlaganfalls: Von der Stroke Unit zur Selbsthilfe

Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank Erbguth

1. Häufigkeit und Bedeutung der Erkrankung „Schlaganfall“ als Ursache von Aphasien

Von den ca. 80.000 in Deutschland jährlich neu auftretenden Aphasien werden die meisten durch einen Schlaganfall verursacht, der mittlerweile zu den häufigsten Erkrankungen gehört. Von 100.000 Einwohnern erleiden in Deutschland jährlich etwa 200 - 250 einen Schlaganfall, an dem ein Drittel der Betroffenen innerhalb eines Jahres stirbt. Damit ist der Schlaganfall die zweithäufigste Todesursache in Deutschland und die häufigste Ursache dauernder Behinderung im Erwachsenenalter. Ein großer Teil der Betroffenen sind ältere Menschen, es gibt jedoch auch viele junge Menschen, ja sogar Kinder, die einen Schlaganfall erleiden können. „Gegen den Schlaganfall kann man ja nichts machen“, so hieß es lange Zeit, und diese schicksalsergebene Haltung trifft man teilweise auch heute noch an. Inzwischen gibt es jedoch vielfältige Möglichkeiten einer effektiven Schlaganfalltherapie und Schlaganfallvorsorge.

2. Ursachen und Diagnosestellung des Schlaganfalls

Unter „Schlaganfall“ versteht man eine plötzliche gefäßbedingte Schädigung von Hirngewebe mit neurologischen Ausfällen. Andere Ausdrücke hierfür sind „Apoplex,“ „apoplektischer Insult,“ „Hirnschlag“ „Schlägle“, das englische Wort hierfür ist „Stroke“ (=Schlag). Dahinter verbergen sich verschiedene Ursachen nämlich Mangeldurchblutungen bei 80% der Betroffenen (= Hirninfarkte) und seltener zu 15% Hirnblutungen. Die Mangeldurchblutungen entstehen entweder durch die Folgen der Arteriosklerose bei Gefäßrisikofaktoren wie beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel oder Rauchen. Ein Hirngefäß kann sich aber auch ganz plötzlich verschließen, weil ein Gerinnsel (= Embolie) aus einem anderen Teil des vorgeschalteten Gefäßsystems oder aus dem Herzen, z.B. bei Rhythmusstörungen, in ein Gehirngefäß eingespült wird.

Hirnblutungen kommen meistens durch Zerreißungen von Hirngefäßen bei hohem Blutdruck zustande. Die Krankheitszeichen (= Symptome) beim Schlaganfall treten plötzlich auf und hängen davon ab, an welcher Stelle des Gehirns es zur Gewebsschädigung kommt. Am häufigsten kommt es zu halbseitigen Gefühlsstörungen, Lähmungen und Sprach- oder Sprechstörungen (Dysarthrie, Aphasie).

Ob eine Mangeldurchblutung oder eine Hirnblutung vorliegt, kann nur mittels eines Bildes des Gehirns durch eine Computer- oder Kernspintomographie geklärt werden (Abb.). Weitere Untersuchungen dienen der Klärung der Frage, wie es zum Schlaganfall gekommen ist. Dazu dienen EKG, Laboruntersuchungen, Ultraschall-Untersuchungen der Hals- und Hirngefäße sowie des Herzens und in manchen Fällen die Hirnstromkurve (EEG) oder Gefäßdarstellungen mit Kontrastmittel.

3. Vorbeugung des Schlaganfalls

Die oben genannten Hauptrisikofaktoren des Schlaganfalls können positiv beeinflusst werden durch medikamentöse Therapien (vor allem Bluthochdruck- und Cholesterinsenker und Blutverdünner), aber auch durch regelmäßige Bewegung und Nikotinabstinenz. Dadurch kann die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls vermindert werden – vor allem dann, wenn bereits ein Schlaganfall eingetreten ist. Die Medikamententherapie zur Verhinderung weiterer Schlaganfälle zielt meistens auf eine mehr oder weniger starke Form der „Blutverdünnung“: entweder durch Hemmung der Verklumpung der Blutplättchen (Thrombozyten) durch Aspirin oder ähnliche Substanzen oder bei einer Gerinnselbildung aus dem Herzen durch Beeinflussung der Blutgerinnungsfaktoren mittels „Marcumar“.

4. Akutbehandlung des Schlaganfalls auf der „Stroke Unit“

Das Gehirngewebe ist das empfindlichste Gewebe des Körpers; eine Hirnzelle stirbt nach wenigen Minuten ab, wenn die Blutversorgung mit Sauerstoff unterbrochen wird. Durch eine geringe Restdurchblutung verlängert sich dieser „Überlebenszeitraum“ der Gehirnzellen, in dem Akuttherapien noch Besserung bringen können, auf wenige Stunden.

Ziel der Therapie ist eine schnelle optimale Sauerstoff- und Energieversorgung des Gehirns. Wichtig ist es z.B. in der Akutsituation den Blutdruck, die Körpertemperatur und den Blutzucker gut zu kontrollieren und optimal einzustellen.

Dabei hat es sich in den letzten Jahren als vorteilhaft erwiesen, den Schlaganfall-Patienten auf einer speziellen Überwachungsstation für Schlaganfallpatienten (sog. „Stroke-Unit“) zu behandeln, die es in größeren und mittleren Kliniken gibt. Die fünf überregionalen Stroke-Units in Bayern - München-Harlaching, Universitätsklinikum Regensburg und Erlangen, Klinikum Nürnberg und Klinikum Bayreuth - stellen im Moment über telemedizinische Schlaganfall-Konsultationen und Netzwerke mit über 20 kleineren Krankenhäusern in Bayern telemedizinisch die flächendeckende Schlaganfallversorgung sicher.

Bei einem Teil der Patienten mit Hirninfarkt kann man nach sorgfältiger Diagnostik in einem Schlaganfallzentrum versuchen, innerhalb der ersten 3 Stunden nach dem Schlaganfall das verschlossene Blutgefäß im Gehirn mit einem gerinnselauflösenden Medikament wieder zu eröffnen (= Thrombolyse). Diese Behandlung birgt jedoch auch die Gefahr, dass das Blut zu stark verdünnt wird, und es zu einer Blutung ins Gehirn kommt. Bei einem sehr großen Hirninfarkt oder einer Hirnblutung kann es notwendig werden, dass eine operative Schädelöffnung erfolgen muss, damit es nicht durch Druckanstieg zum Absterben des gesamten Gehirns kommt. Voraussetzung für eine wirksame Behandlung ist der schnelle Beginn der Maßnahmen.

Unmittelbar nach der Akutphase wird der Patient auf die eventuell notwendigen Medikamente eingestellt; gleichzeitig wird durch Krankengymnastik (Behandlung v.a. der Lähmungen), Logopädie (Behandlung der Sprach- und Sprechstörungen) und Ergotherapie (Üben und Wiedererlernen von verlorengegangenen Alltagsfertigkeiten) versucht, das Ausmaß der Behinderung zu verringern.

An die Akutbehandlung kann sich dann mit dem Ziel der weiteren Stabilisierung eine Rehabilitations-behandlung anschließen; dafür gibt es stationäre, teilstationäre und ambulante Möglichkeiten.

5. Selbsthilfe beim Schlaganfall

Während sich bei Herzerkrankungen schon vor mehreren Jahrzehnten Selbsthilfeorganisationen formierten, um Betroffene und Angehörige zu beraten, war diese Entwicklung beim Schlaganfall eher zögerlich. Glücklicherweise sind mittlerweile sowohl Selbsthilfeaktivitäten entstanden, die sich bestimmten Defiziten wie der Aphasie oder Lähmungen unabhängig von ihrer Ursache widmen – wie z.B. der Bayerische Landesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V. – als auch andere Verbände, die ausschließlich alle Facetten der Schlaganfallerkrankung von der Vorsorge bis zur Rehabilitation und bis ins Alltagsleben hinein begleiten wie z.B. die „Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe“. Dabei leisten diese Selbsthilfegruppen aus ärztlicher Sicht wertvolle und unersetzbare Arbeit und Hilfe für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Vor diesem Hintergrund ist dem Bayerischen Landesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e.V. zu seinem 20-jährigen Bestehen herzlich zu gratulieren, verbunden mit den besten Wünschen für die weitere erfolgreiche Arbeit.