Start Aphasie - Was ist das? Die Welt im Kopf zurück holen

Die Welt in den Kopf zurückholen

Die Welt in den Kopf zurückholen

Dr. Luise Lutz

McCrumb, ein englischer Patient, sagte über sein Leben nach dem Schlaganfall: „Im Rückblick kommt es mir vor, als sei ich für längere Zeit ‚weggewesen‘, im Gefängnis zum Beispiel oder im Krieg, und trauriger und vielleicht ein bisschen weiser zurückgekehrt.“

Wer mit Aphasie zu tun hat, weiß, dass sie wie ein „Schwarzes Loch“ alles, was ein Aphasiker als „seine Welt“ empfindet, einzusaugen droht. Auch die Angehörigen sind mit den Aphasikern von vielem, was das Leben bunt und lebendig macht, abgeschnitten, aber gleichzeitig durch die Sprachbarriere auch von den Aphasikern getrennt.

Da die fehlenden Wörter und zerstückelten Sätze offensichtlich diesen unerträglichen Zustand verursachen, ist es naheliegend, dass man versucht, das fehlende Vokabular Wort für Wort wieder aufzubauen. Wenn Angehörige und Freunde den Aphasikern helfen möchten, dann stellen sie sich vor, dass das Abfragen und Abschreiben von Wörtern, das laute Lesen von Sätzen oder das Üben von grammatischen Formen die Sprache wieder in Gang bringt. „Wir werden jetzt drei Jahre lang nur Sprache üben, ganz intensiv! Und danach leben wir wieder richtig!“ sagte die Frau eines Aphasikers.

Nur lässt sich die Aphasie auf diese Weise nicht beheben. Ihre Ursachen liegen tiefer: in Störungen der neuronalen Netzwerke, deren blockierte und fehlgesteuerte Prozesse Sprache nicht mehr ordnungsgemäß herstellen können. Diese gestörte sprachliche Maschinerie lässt sich nicht allein durch das Üben von Wörtern oder Sätzen reparieren. 

Sprache ist nicht fertig im Kopf abgespeichert. Sie wird ständig neu in uns erzeugt durch

  • das, was gerade um uns herum geschieht,
  • das, was andere zu uns sagen,
  • unsere Absichten, Wünsche, Gefühle, Erinnerungen und Aktivitäten,

 d.h. durch das, was die Welt um uns und die Welt in uns an Gedanken und Handlungen hervorruft.

Dabei geht es immer um Zusammenhänge: Situation und  Gesprächspartner beeinflussen die Kombination der Silben, Wörter und Satzteile, und erst diese Kombinationen geben unseren Äußerungen  ihren Sinn. „Er hat nicht lange bezahlt“ sagt etwas anderes aus als‚ „Er hat lange nicht bezahlt“. Mit kurzen Vorsilben können wir ein Wort in sein Gegenteil verwandeln: „freundlich“ in „unfreundlich“. Auch die Stellung eines Wortes innerhalb der Wortkette beeinflusst seine Verständlichkeit: Wörter am Satzanfang sind in Aussagesätzen normalerweise unbetont und werden deshalb leichter überhört, bei Aphasie können sie häufig nicht aufgenommen werden. Wenn man sagt: „Peter kommt morgen“, verstehen Aphasiker (und manche anderen Menschen) evtl. nicht, wer kommt. Der Name wird besser verstanden in „Morgen kommt Peter“.

Wir haben alle als Kinder gelernt, durch Umstellungen, Additionen und Ersetzungen von Wörtern und Silben feinste Bedeutungsnuancen zu übermitteln. Diese Fähigkeit zum Jonglieren mit der Sprache haben die Aphasiker verloren. Sie kommt weder durch Nachsprechen noch durch das Auswendiglernen von einzelnen Wörtern zurück. In seltenen Fällen stellt sie sich von selbst wieder ein; fast immer muss sie mit geschulten Therapeuten allmählich über einen längeren Zeitraum wiedererworben werden. 

Aber auch das Üben in der Therapie genügt nicht. Der Anstoß zur Kommunikation kommt leichter im Alltag durch vielfältige Eindrücke. Alles, was uns interessiert und bewegt, setzt unsere Sprachmaschinerie in Gang. Auch bei Aphasie. Aphasiker brauchen Gespräche mit vertrauten Menschen, bei denen es um aktuelle Inhalte geht und ihre gestörte Sprache nicht beachtet wird.

Aber wie kann man mit Aphasikern, die schwer betroffen sind, interessante Gespräche führen? Die wichtigste Voraussetzung ist, dass man die gestörte Sprache so akzeptiert, wie sie ist: keine Verbesserungen, nur Rückfragen, wenn man das, was der Aphasiker sagen will, nicht verstanden hat. Es geht nicht um Sprache, sondern um Inhalte. Beide bzw. alle Gesprächsteilnehmer sollten echtes Interesse an den Themen und Spaß am Meinungsaustausch haben. Wenn ein Aphasiker merkt, dass er mit seiner fehlerhaften Sprache akzeptiert wird, kann er entspannter reagieren und beginnen, auch mit seinen wenigen Worten zu jonglieren. 

Die Themen? Neben allem, was im Alltag zum Diskutieren anregt, liefern Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften täglich neuen Gesprächsstoff. Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Fotoreportagen über entfernte Länder etc. berichten von Ereignissen in der Welt und bieten Bilder und Themen an, die  Aphasiker aus ihrem früheren Leben kennen oder zumindest in bestimmte Zusammenhänge einordnen können.

Häufig wird angenommen, dass schwer betroffene Aphasiker mit solchen  komplexen Texten und Themen überfordert sind. Aber das ist ein Irrtum. Auch schwer betroffene Aphasiker können mit Hilfe ihres Weltwissens, ihrer Erfahrung und ihrer Denkfähigkeit verstehen, worum es in einem kurzen Text oder einer mündlichen Nachricht geht, besonders, wenn der Inhalt durch Bilder illustriert wird. Sie hören oder lesen, evtl. ganzheitlich, bestimmte Schlüsselwörter und aktivieren dabei die richtige Welt in ihrem Kopf. 

Solche Schlüsselwörter finden sich häufig in Schlagzeilen und Bildunterschriften. Erklärende Details dazu können Angehörige und Freunde den Texten entnehmen und in einfacheren Sätzen mündlich ergänzen. Daraus kann sich ein Meinungsaustausch entwickeln, in dem der Aphasiker trotz teilweise schwer verständlicher Sprache aktiv mitredet und sich - anders als beim schülerhaften Üben von Wörtern und Sätzen - als Gesprächspartner ernst genommen fühlt.

Manche Aphasiker brauchen Ermutigung, weil sie nicht glauben, dass man sich Texte auch schrittweise erschließen  kann. Dann könnten die Angehörigen Wörter, die den Aphasikern bekannt sind, aus Schlagzeilen heraussuchen lassen: „Guck mal, wo steht ‚Merkel‘?“ oder „Findest du ‚Berlin‘ ?“ Wenn es einem Aphasiker gelungen ist, mehrere Male ein Wort auf einer Zeitungsseite zu finden und den Inhalt der jeweiligen Schlagzeile zu verstehen, wird er Mut fassen und merken, wie gut es ist, wieder Nachrichten aus aller Welt selbstständig zu entdecken

Falls ein Aphasiker Mühe hat, für ein gehörtes Lautmuster das entsprechende Schriftbild in der Zeitung zu finden, kann man die Wörter, jeweils eins zur Zeit, auf ein Blatt Papier schreiben und den Aphasiker bitten, beim Suchen immer wieder zum geschriebenen Wort hinzusehen, um es zu erinnern. Eine Art Suchspiel, bei dem man auch helfen kann: „Sieh mal da oben“.

Dies sind Tipps für schwer Betroffene. Andere Aphasiker können vielleicht den Inhalt von Bildunterschriften oder kurzen Texten verstehen und in eigenen Worten, unterstützt durch Gestik und Zeichnungen, ihre Meinung dazu äußern.

Lautes Lesen (Vorlesen) fällt Aphasikern oft schwer, weil die riesigen Netzwerke der mündlichen Produktion mit den ebenso riesigen Netzwerken der Schriftsprache nicht mehr ungestört zusammenarbeiten. Wenn man über interessante Themen diskutieren möchte, ist Vorlesen nicht nötig. Auch die Angehörigen sollten den Aphasikern Textabschnitte nicht vorlesen, sondern ihnen mündliche Erklärungen geben.

Der Umgang mit Zeitungen und anderen Texten sollte nie als ‚Sprachübung‘ angesehen werden, sondern immer als Möglichkeit, über Bilder und interessante Themen miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei könnten verständnisvolle Freunde die Angehörigen unterstützen. Wenn die früheren Freunde nicht mehr kommen, weil sie sich der Sprachlosigkeit gegenüber hilflos fühlen, dann können neue Freundschaften mit verständnisvolleren Gesprächspartnern angebahnt werden: mit anderen Aphasikern, wie es seit Jahren in Selbsthilfegruppen und seit einiger Zeit besonders hilfreich durch ein Tutorensystem geschieht, bei dem jeweils ein gebesserter Aphasiker mit einem Aphasie-Neuling gemeinsam etwas unternimmt, was beiden Freude macht und ihnen Anstöße zum Sprechen gibt wie z.B. Fotografieren, Schachspielen, Spazierengehen und auch Zeitunglesen.

Bei solchen gemeinsamen Tätigkeiten entsteht die bei Aphasie so nötige Entspannung, aus der sich Ruhe und Energie ergeben und dadurch auch die notwendige sprachliche Aktivierung. Etwas Sinnvolles tun, dabei Freundschaft genießen und gemeinsam lachen - das ist auch mit Aphasie möglich und kann die Welt in den Kopf zurückholen.