Start Aphasie - Was ist das? Das Ringen um Verständigung

Aphasie - das Ringen um Verständigung

Aphasie - das Ringen um Verständigung

Julia Schleinich und Carola Kehrmann, Logopädinnen

Alltag bei Müllers
>Frau Müller öffnet die Wohnungstür; Herr Müller sitzt im Rollstuhl bereit. Seine Frau holt den Schuhkarton mit dem Therapiematerial. Das erste, was Herr Müller in die Hand nimmt, ist seine Mundharmonika. Nach aufforderndem Blick seiner Logopädin beginnt er sein Spiel. Mit wechselndem Erfolg sucht er in seiner Erinnerung nach den bekannten Melodien. Tränen in den Augen vermitteln seiner Sprachtherapeutin, dass die Suche heute vergebens war. Er bricht sein Spiel ab.<

Wie wichtig nonverbale Ausdrucksmöglichkeiten sind, wissen Betroffene, Angehörige und Therapeuten sehr gut. Täglich sind LogopädenInnen gefordert, gemeinsam mit den Betroffenen nach Wegen zu suchen, die Kommunikationsfähigkeit zu erweitern und zu verbessern. Neben den geläufigen Schwierigkeiten  –  Verstehen, Sprechen, Lesen, Schreiben (siehe Beitrag Prof. Dr. Huber) können zusätzliche neurologische Symptome das Leben des Aphasikers belasten, z.B. Hemiparese, Dysphagie, Hemianopsie, auditive Verarbeitungsstörung, Dysarthrophonie, Apraxie, Körperwahrnehmung, Persönlichkeitsveränderungen, emotionale Störung.

Wie im Beispiel von Herrn Müller beeinträchtigt die Halbseitenlähmung (Hemiparese) seine Bewegungsfähigkeit. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf seine Selbst-Ständigkeit, sondern auch auf Haltung, Körperspannung (Tonus), Atmung, Stimmgebung und Artikulation. Durch das Mundharmonikaspiel werden Atmung und Tonus reguliert, die Mundmotorik verbessert, die Konzentration gestärkt und das Selbstbewusstsein gesteigert. Ein Bereich der logopädischen Therapie von Herrn Müller ist es, die Stimmgebung zu stärken und die Lautsprache zu verbessern. Weiterhin gilt es, mit ihm am Sprachverständnis, an der Wortfindung und Satzbildung sowie am Lesen und Schreiben zu arbeiten.

Dafür stehen heutzutage auch diverse technische Hilfsmittel zur Verfügung, die schon seit Jahren Einzug in die logopädische Therapie gefunden haben. Der Computer unterstützt mit gezielten Programmen die sprachlichen Übungen. Der größere Teil der Therapie jedoch ist nur durch zwischenmenschliche Kommunikation zu regeln.

Wo Sprache massiv eingeschränkt ist (z.B. globale Aphasie), können elektronische Kommunikations-
geräte (z.B. Go-talk, Spok, Alpha-talk) die Verständigung wieder ermöglichen. Die Alltagsrelevanz steht bei den Kommunikationshilfen im Vordergrund. Auf diese Weise kann Herr Müller auch seiner Ergotherapeutin erzählen, was er erlebt hat.

Die Ergotherapeuten und die Physiotherapeuten haben im Bezug auf die Halbseitenlähmung von Herrn Müller ihre eigenen therapeutischen Schwerpunkte.

Für uns Logopädinnen bedeutet ein auf die Bedürfnisse des Patienten ganzheitlich abgestimmter Ansatz nicht nur die Verknüpfung der gängigen Therapieformen (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie), sondern auch die Einbindung weiterer ergänzender Maßnahmen.

Hierunter verstehen wir zum Beispiel Ansätze wie:

  • Feldenkrais
  • Musiktherapie
  • Kunsttherapie
  • Qigong
  • Yoga
  • Tai-Chi
  • Shiatsu
  • Reittherapie
  • Seniorentanz
  • und vieles mehr

Allen Ansätzen gemeinsam ist eine starke körperliche Orientierung und eine intensive Koordination sämtlicher Wahrnehmungsbereiche (spüren, bewegen, sehen, hören, riechen, schmecken).„Ich fühle mich nicht mehr als ganzer Mensch.“ Diesen oder ähnliche Sätze hören wir immer wieder von AphasikerInnen. Durch die geführten Anweisungen der Feldenkraislehrerin können nach und nach Bewegungsmuster wieder reaktiviert werden. Beispielsweise konnte Herr Blume nach gezielten Hand- und Fingerübungen seine vorher spastisch verkrampfte Hand wieder selbständig öffnen. Der Ansatz nach Feldenkrais führt den Menschen dahin, dass allein die Vorstellung der Bewegung die motorische Umsetzung verändern kann. Der Weg geht von der undifferenzierten Bewegung über die immer feinere, leichtere Bewegung bis hin zur reinen Vorstellung des Bewegungsablaufes. Angeregt durch die Erfahrung in einem Familienseminar suchte sich Frau Bauer in ihrer Nähe eine Feldenkraislehrerin. Nach mehreren Sitzungen und intensivem häuslichem Üben mit speziellen Augenübungen konnte sie sehr viel besser sehen. Ein zusätzlicher Nebeneffekt war ein stabileres Gleichgewicht und eine erhöhte Selbständigkeit.

Andere Wege der Kommunikation ermöglicht auch die Kunsttherapie. Wenn der gewohnte Weg über die Sprache blockiert ist, sind alternative Ausdrucksformen wie Malen, Töpfern oder Modellieren
ein gutes Ventil für angestaute Emotionen.

Die positive Auswirkung begleitender Ansätze konnten wir in vielen Jahren therapeutischer Arbeit immer wieder erleben. Vor allem in Familienseminaren (veranstaltet und organisiert vom BLRA), bei denen wir über 4 Tage intensiv in der Gruppe zusammen sind, ist die Veränderung bei Einzelnen besonders deutlich. Herr Fischer (vor der Erkrankung Musiker) fing nach Jahren mangelnden Selbstvertrauens wieder an, Klavier zu spielen, trotz Lähmungen; Herr Kaspar und Frau Brehm trauten sich auch ohne Textsicherheit beim Kanon mitzusingen. Die zunehmende Lockerheit im Umgang mit der Behinderung lässt mehr Lebensfreude in allen Bereichen des alltäglichen Lebens zu und bringt auch die Sprache wieder zum Fließen. Der besondere Rahmen des Familienseminars, bei dem gemeinsam gegessen, gearbeitet, gelacht und geweint wird und Therapeutinnen rund um die Uhr zur Verfügung stehen, ermöglicht einen maximalen gewinnbringenden Austausch zwischen Langzeitbetroffenen und frisch Erkrankten. Die begleitenden Angehörigen haben ausreichend Gelegenheit, sich Anregungen in sozialrechtlichen Fragen und Unterstützung in emotionalen Krisen zu holen.

Die wechselnden Phasen der Krankheitsbewältigung werden therapeutisch begleitet. Der persönliche
Austausch mit ebenso Betroffenen ermöglicht jedoch durch deren tiefes Mitgefühl ein wesentlich schnelleres und bewussteres Annehmen der Aphasie. Die Rehabilitation eines Aphasikers endet nie! Ebenso die Rehabilitation der Angehörigen, da Sprache ein kommunikativer Prozess ist, der immer mindestens zwei Personen betrifft (Familie, Freunde, Kollegen...)

Deshalb kommt Frau Schmidt, die vor 12 Jahren einen Schlaganfall hatte, noch zur Therapie und einmal im Jahr zum Familienseminar. Und...sie macht immer noch Fortschritte.

Sämtliche Namen im Text sind frei erfunden.

Abschließend möchten wir uns ganz herzlich im Namen aller AphasikerInnen und Angehörigen beim BLRA für die Ausrichtung der Familienseminare bedanken. Ganz besonderer Dank gebührt Frau Christel Heidenreich für ihr unermüdliches Engagement im Sinne der Aphasiker.